Tiroler Tageszeitung

15 07 1999

AUSTRIA (AUT)

 

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Das Publikum im ausverkauften Spanischen Saal tobte vor Begeisterung und war erst nach besonders effektvollen Zugaben zu beruhigen. Ein Konzert, das seinesgleichen sucht!

 

 

Exotische Mischkultur vom Hof Friedrichs II
 

Was heute mühevoll errungen wird, nämlich ein Kulturaustausch im vereinten Europa, war vor 800 Jahren in Sizilien ganz selbstverständlich: eine italienisch-spanisch-normannisch-byzantinisch-arabische Musik.

INNSBRUCK. Wie aufregend, im Spanischen Saal tatsächlich nie Gehörtes aus dem zwölften Jahrhundert zu erleben! Die sechs Herren des Ensembles Al Qantarah erwiesen sich als wahre Schatzgräber: Aus Handschriftensammlungen in Madrids Nationalbibliothek und Archiven des Musikwissenschaftlers Alberto Favara formten sie klingende Zeugnisse des geistlichen und weltlichen Siziliens während der Herrschaft des Stauferkaisers Friedrich II. Was sie an Aufzeichnungen vorfanden, waren freilich nur simple Melodielinien. Was sie mit profunder musikwissenschaftlicher Kenntnis, hoher Musikalität und Klangphantasie daraus machten, erwies sich als fesselndes Ergebnis einer exotischen Mischkultur, in der Einflüsse des gesamten mediterranen Raumes Bedeutung erlangten. Unter den Textdichtern fand sich auch der kaiserliche Literat Friedrich II., dessen affektgeladenen Gedichte von Petrarca zu den sizilianischen Ursprüngen der italienischen Literatur gezählt wurden.

Mit heiserem, kehligem, zuweilen schnarrendem Gesang trugen die Künstler altitalienische Liebeslieder und lateinische Kirchengesänge vor - alle rhythmisch äußerst lebendig, ja tänzerisch und in atemberaubendem Tempo. Da wurden auch die frömmsten Texte zu temperamentvoll skandierten Rhythmen, ja Schlagern; zuweilen dachte man an Carl Orffs "Carmina Burana". Nicht umsonst hatte die Gruppe den zum Tanz auffordernden Ruf "Abballati, abballati!" zum Motto des Abends gewählt. Für die fremdartigen arabischen Melismen sorgte mit rauher Stimme der Palästinenser Faisal Taher, der im Zwischenbereich von Halb- und Vierteltonschritten unter anderem einen Korantext über Maria und Jesus präsentierte.

KONZERT

Das aufregendste, schillerndste Moment aber war an diesem Abend das weitgefächerte Klangspektrum der ebenso virtuos wie witzig gehandhabten Zupf,- Schlag- und Streichinstrumente mit ihren exotischen Namen. Daß sich hinter dem "Tammureddu" unsere gute alte Maultrommel verbarg, zeigte wieder einmal, wie nah man sich im alten Europa zwischen Nord und Süd schon gekommen war.

Das Publikum im ausverkauften Spanischen Saal tobte vor Begeisterung und war erst nach besonders effektvollen Zugaben zu beruhigen. Ein Konzert, das seinesgleichen sucht!

Jutta Höpfel