Sächsische Zeitung

03 07 2002

GERMANIA (GER)

 

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Der herb-schöne Gesang des italienischen Quintetts „Al Qantarah“

 

 

Ich wölt daz ich daheime wer

Sarden und Sepharden, Mystik und Ekstase: Zum 12. internationalen Festival „montalbâne“ in Freyburg

 

Zugegeben, das geht an Kraftreserven und Netto-Fassungsvermögen: Mehr als zwei Tage Musik und Vorträge aus dem und über das Mittelalter. Lieder spanischer Juden. Mitternächtliche Geistergeschichten. Zwei Messen Walter Fryes. Exkurse in "Mystik und Ekstase" ... Und dennoch wollte sich auch am letzten Nachmittag des internationalen Festivals mittelalterlicher Musik in Freyburg an der Unstrut niemand den Worten Heinrichs von Laufenberg anschließen: "Ich wölt daz ich daheime wer."

Wege zur Glückseligkeit

Denn zum einen drängte es Heinrich vor 550 Jahren eben nicht aufs heimische Sofa. Er wölt lieber gleich ins Himmelreich – das Leipziger Ensemble "Ioculatores" brachte des Laufenbergers Seufzen in ihrem religiös-mystischem Programm "Vom dreifachen Wege". Zum anderen verlässt kaum jemand freiwillig vor der Zeit Leben noch "montalbâne". So nennt sich diese Zusammenkunft von Künstlern der europäischen Oberliga, die das nur angeblich dunkle Mittelalter alljährlich für ein Wochenende in lebendigen Aufführungen erhellen.

Was vor nunmehr elf Jahren mit ein paar wenigen Konzerten begann, ist längst zu beachtlicher Größe in der kontinentalen Mittelaltermusik-Szene herangewachsen. Von Jahr zu Jahr strömen mehr Menschen in die Marienkirche und auf die Neuenburg über dem kleinen Weinort in Sachsen-Anhalt. Auf Autokennzeichen liest man zunehmend so exotische Buchstabenkombinationen wie TÜB oder HH oder gleich die National- Kennungen AU oder CH. Radiosender bitten höflichst um Aufzeichnungsmöglichkeit, die Fachpresse loggt sich für die komplette Festivaldauer ein.

1.400 verkaufte Tickets, das ist gleichwohl ein Erfolg, der "montalbâne" an Grenzen treibt. Das Fassungsvermögen von beiden Aufführungsorten ist nahezu ausgeschöpft. Ein Ausweichen auf nahe Alternativen, etwa Naumburgs Dom, kommt für die Veranstalter jedoch nicht in Frage. Lieber will man die Ticketzahl strenger begrenzen als den immer noch recht intimen Charakter dieser Veranstaltung aufzugeben.

So problematisch das Wachstum allmählich werden könnte; eben diese Intimität macht einen großen Reiz von "montalbâne" aus. Niemand muss zwischen Konzerten lange pendeln. Marienkirche und Schloss liegen nur einen 15-minütigen Anstieg auseinander.

Und, noch wesentlicher: Die Akustik in Doppelkapelle und Kirche trägt ganz erheblich zur größtmöglichen Authentizität der Veranstaltungen bei. Zu wenig Laut- und Harmoniematerial ist überliefert, als dass tatsächlich "originalgetreue" Wiedergaben der meisten mittelalterlichen Musikwerke zu machen wären. Es geht um Näherungswerte, Rekonstruktionen, Analogien. Wer aber erlebt, wie in Sankt Marien etwa der herb-schöne Gesang des italienischen Quintetts "Al Qantarah" durchs Mittelschiff schwebt, sich um die Säulen windet, empor steigt, sich schließlich in der Vierung bricht, der mag zumindest eine leise Ahnung haben davon, wie Lieder aus dem "Troparium von Catania" in einer Kathedrale zur Normannenzeit geklungen haben.

Traditionen. Viel lebt auf von der Ausrichtung großer Teile der mittelalterlichen Gesellschaft gen Jenseits, wenn die "Ioculatores" ein Wort-Musikprogramm um Bonaventuras Leitfäden zu Heil und Erlösung aus dem 13. Jahrhundert präsentieren. Und vom auch fruchtbaren Nebeneinander der Kulturen, wenn "Sarband" Lieder der aus dem christlichen Spanien ins islamische Nordafrika geflohenen Juden in Perfektion zelebrieren.

Liebe und Innenschau

Mag sein, es ging in diesem Jahr etwas verhalten zu. Sanfte Liebe, Mystik und Innenschau dominierten auch die Dynamik der meisten Konzerte. Allein das überschäumende Musiktemperament der Sarden von den "Tenore e Cuncordu de Orosei" brachten zum Abschluss die Kirche doch noch ins Beben. Das ändert jedoch wohl nichts an der Gültigkeit jenes Urteils, das Crawford Young über "montalbâne" sprach: Young, Kopf des Schweizer Ferrara-Ensembles und Grande in Forschung wie Lehre, hält es für "das beste Mittelalter-Musikfestival, das ich kenne".

Oliver Reinhard